Aus der quirligen Großstadt ins Grüne

Valentino Villicana aus Mexiko lebt derzeit in Hartha. Er will das Land kennenlernen und Neues mitnehmen.

Von Erik-Holm Langhof

Sieben Monate Kulturschock und kom­plett anderes Klima. Auf der anderen Seite lehrreiche und eindrucksvolle Ausflü­ge sowie viel Stoff zum Lernen für die Zu­kunft. Valentino Villicana kommt aus Me­xiko und besucht derzeit das Martin-Lu­ther-Gymnasium in Hartha. Im Rahmen ei­nes Schüleraustauschs ist er aus dem etwa 9.500 Kilometer entfernten Land nach Deutschland gekommen und wird für et­was mehr als ein halbes Jahr hier lernen.

Über ein Programm, das die Lehrerin Inez Bardehle betreut, konnte mit der 14-jährigen Elisa Höschler eine gute Gastgebe­rin in Hartha gefunden werden, die ihm nicht nur in der Schule hilft, sondern auch in der Freizeit zur Seite steht. „Wir haben durch Frau Bardehle erfahren, dass immer wieder Gastfamilien für Schüler aus ande­ren Ländern gesucht werden. Und dann sind wir auf Valentino gestoßen", erzählt die Neuntklässlerin. „Das Herkunftsland war uns eigentlich egal. Wir fanden Valen­tino sehr sympathisch und haben uns ent­schlossen, ihn aufzunehmen."

Gesagt, getan: Im Dezember stand der junge Mexikaner vor seiner Gastfamilie. Ihn freue es sehr, so eine nette Familie ge­funden zu haben und vor allem, dass sie sich so gut um ihn sorgt. „Hier gibt es eine andere Kultur und alles ist anders als in Me­xiko", sagt der 16jährige Valentino Villi­cana. In den Städten seien in seiner Heimat viel mehr Autos sowie Menschen unter­wegs und es gebe nur wenig Grün. Hier sei das ganz anders. „Hartha hat eine schöne Landschaft und viele Bäume. Auch die Men­schen sind offener", erklärt der Schüler aus der 10. Klasse und sagt, dass er die deutsche Kultur und die Menschen sehr mag. Vor al­lem hat sich Valentino in Schokolade und Räuchermännchen verliebt. Ersteres sei in seiner Heimat sehr teuer und nicht für je­den käuflich. Zweiteres kannte er gar nicht. Nicht zuletzt die Schule biete mehr Qualität. Der Unterricht und die Lehrer sei­en viel besser und er könne sehr viel in Hartha lernen, wie Valentino meint. „Ich möchte noch mehr Deutsch üben und das Land kennenlernen."

Dabei hilft ihm nicht nur Elisa Höschler im Unterricht, sondern auch die ganze Fa­milie nach der Schule. Mit seinem neuen Bruder konnte der junge Mexikaner bereits einige Wettkämpfe an der Spielekonsole bestreiten, und mit seiner Sportbegeiste­rung nimmt er ebenfalls am Training der Fußballmannschaft in Hartha teil Dabei hat er schon einige neue Freunde gefun­den. Nicht zuletzt unternimmt die Familie gemeinsame Ausflüge, wie Elisa erzählt. „Wir waren in Leipzig und haben eine Rundfahrt gemacht, uns das Völker­schlachtdenkmal angeschaut und zu Fuß die Stadt erkundet." Zudem gebe es immer wieder Angebote durch Inez Bardehle. an denen die Gastschüler teilnehmen können. Beispielsweise ein Besuch der Schokola­denmanufaktur in Halle. Die Lehrerin be­treut neben Valentino noch einige andere Gastschüler aus der Region und hat in dem Bereich bereits eine langjährige Erfahrung. „Wir hatten am Harthaer Gymnasium mehr als 20 Austauschschüler", erzählt Bardehle. „Sie kamen aus Frankreich, den USA oder Italien. Und nun aus Mexiko." Bei den Besuchen gehe es darum, gegenseitig die andere Kultur und das Land etwas nä­her kennenzulernen, wie sie sagt. Beide Seiten sollten etwas davon haben. Viele der Besucher erhalten von einer Organisation oder vom Parlament ein Stipendium, wo­mit sie wenig oder nichts bezahlen müs­sen. „Bei Valentino war das anders. Er hat den Preis für den Besuch in Deutschland vollständig tragen müssen", erklärt die

Russisch- und Englischlehrerin. Nichtsdes­totrotz kümmern sich die Eltern ehren­amtlich um den Schüler und das meist auch sehr zuverlässig, so Bardehle.

Valentino zumindest ist sehr zufrieden mit seiner bisherigen Zeit am Harthaer Gymnasium. Heimweh habe er nicht, doch mit seinen Eltern in Mexiko stünde er den­noch per Smartphone in Kontakt. Elisa Höschler ist beeindruckt und könnte sich ein Auslandsjahr oder einen Austausch zur­zeit noch nicht so richtig vorstellen. „Nach der gemeinsamen Zeit und wenn Ferien sind, fliegen wir Valentino und seine Fami­lie aber vielleicht einmal besuchen", sagt die14-Jährige. Bis dahin ist aber noch aus­reichend Zeit. Erst im Sommer wird der junge Mexikaner die deutsche Stadt verlas­sen. Aber dann mit einer internationalen Freundschaft.

Döbelner SZ, 11.01.2020

Foto: Lars Haltbauer