Von Berührungsängsten keine Spur

In der Kirche spielen Jugendliche Theater. Ohne das Projekthätten sie sich wahrscheinlich nie getroffen.

Von Cathrin Reichelt

Der dritte Tag ist der Gefährlichste, sagt Hutz vom Theatre De Luna. Der Mann, der nur mit seinem Künstlernamen angesprochen werden will, vergleicht die Proben für das Theaterstück „Zeit ist ein Geschenk“ mit der Zubereitung von Speisen. Bisher seien die Zutaten zusammen gesucht und sortiert worden. „Heute schälen wir die Kartoffeln und morgen wird gewürzt“, meint Hutz .In der Harthaer Stadtkirche sitzen ihm 13 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren gegenüber –fünf aus der Regenbogenschule Döbeln und acht aus dem Martin-Luther Gymnasium Hartha. Die jungen Leute sind recht unterschiedlich und doch in vielem gleich. „Sie sind in der Pubertät, knüpfen Freundschaften, es gibt die ersten Liebeleien und jeder meistert auf seine Weise den Alltag“, sagt eine pädagogische Fachkraft aus der Regenbogenschule. Das gemeinsame Projekt der beiden Schulen läuft unter dem Motto „Sozial –genial“ und bereits zum elften Mal. Anett Weichhardt, Deutsch-, Latein- und Russischlehrerin am Gymnasium, spricht allerdings vom zehnten Mal, also einem kleinen runden „Geburtstag“. Denn der erste Versuch eines gemeinsamen Projekts dauerte nur einen Tag. „Das hat den Schülern aber so gut gefallen, dass es fortan auf eine Woche ausgeweitet wurde“, so Anett Weichhardt. Das gemeinsame Theaterspiel soll Berührungsängste und Vorurteile abbauen und die Integration fördern. Bei Finn Horn aus der neunten Klasse des Gymnasiums ist das ganz schnell gelungen. Obwohl er dort in einer Theatergruppe mitarbeitet, habe er sich zuerst nicht an dem Projekt mit den Regenbogenschülern beteiligen wollen. Finn gibt zu, dass er kein sehr geduldiger Mensch ist und Angst hatte, etwas falsch zu machen und laut zu werden. Doch nach dem er die Gleichaltrigen aus Döbeln kennengelernt hat, sagt er: „Es ist zwar manchmal anstrengend, aber wir kommen gut miteinander zurecht. Und wenn das ginge, würde ich im nächsten Jahr noch einmal an dem Projekt teilnehmen. “Das hat bei einigen Gymnasiasten sogar schon den Berufswunsch beeinflusst. Von den Abiturienten des letzten Jahrganges studieren zwei Sozialpädagogik und eine Sonderschulpädagogik. „Sozial –genial“ reduziert sich aber nicht nur auf dieses eine Projekt. Inzwischen hat das Harthaer Gymnasium einen ganzen Stamm von integrativen Einrichtungen als Kooperationspartner, von denen es in all den Jahren immer ein positives Feedback gegeben habe. So lernen zum Beispiel einige Gymnasiasten in dieser Woche gemeinsam mit den Regenbogenschülern in deren Schule ,helfen bei der Betreuung in einem Seniorenheim ,in der Kindertagesstätte St. Florian und der Schlossbergschule in Döbeln sowie in der Förderschule Waldheim. Derzeit denken die Verantwortlichen des Gymnasiums und der Regenbogenschule über eine weitergehende Zusammenarbeit nach. „Wir könnten uns ein gemeinsames Spiel-Sportfest im kommenden Frühjahr vorstellen“, sagt Heike Geißler, Leiterin des Luther-Gymnasiums. Daran könnten alle 68 Regenbogenschüler und etwa 150 Schüler der 8. und 9. Klassen des Gymnasiums teilnehmen.

Foto: Hutz vom Theatre De Luna (links) und Kristin Kissig, pädagogische Fachkraft in der Regenbogenschule, unterstützen Jugendliche aus der Döbelner Schule und dem Harthaer Gymnasium beim Einstudieren eines Theaterstücks. Foto: Lutz Weidler

Döbelner Anzeiger, 09.11.2019